Wenn Luca Schätti zusammen mit drei Freunden – Finn Treudler, Maxime L’Homme und Dario Lillo – in Nepal ankommt, weiss er vor allem eines: Er möchte das hektische Jahr bewusst in der Natur ausklingen lassen. Für den Europameister im XCC und Vierter an der diesjährigen Weltmeisterschaft in der Schweiz, war es ein bewusster Schritt weg vom Wettkampf-Alltag: «Nach einer langen Rennsaison mache ich gerne ein paar Bike- oder Gravel-Touren. Ich liebe es, mit meinem Bike neue Sachen zu entdecken und neue Länder zu bereisen.» Diesmal fiel die Wahl auf Nepal und den legendären Annapurna Circuit – eine Runde um das Annapurna-Massiv, hoch hinauf über den Thorong La Pass und tief hinab durch Jahrhunderte alte Täler.

Eine Route – voller Extreme
Der traditionelle Annapurna Circuit ist eine unglaubliche Mischung aus Kultur, Höhenmetern und landschaftlicher Vielfalt. Abseits klassischer Radwege windet sich die Route über teils fahrbare Pisten, teils schweres Terrain: vom subtropischen Beginn im Marsyangdi-Tal, durch blühende Rhododendron-Wälder, hinauf in alpine Trockenlandschaften und über den beschneiten Thorong La Pass auf 5‘416 m – dem höchsten nicht motorisierten Pass der Welt, den Luca problemlos überquerte und auf den er besonders stolz ist.
Luca und seine Crew bewältigten rund 300 km und etwa 13‘000 Höhenmeter in 7 Tagen und 25 Stunden reiner Bike-Zeit – ein beeindruckendes Pensum selbst für fitte Rennfahrer. Die Tour führt dabei nicht nur durch spektakuläre Natur, sondern auch durch traditionelle Dörfer wie Manang oder Ghyaru und vorbei an versteckten Seen, Klöstern und atemberaubenden Ausblicken.

Herausforderungen und Tiefpunkte
Die Reise war kein Selbstläufer. Bereits beim Packen standen die Athleten vor der Frage, wie sie die extremen klimatischen Unterschiede meistern würden: «Unten auf 800 m war es um die 30 Grad und oben auf über 5’000 m konnte es in der Nacht unter dem Gefrierpunkt sein. Wir mussten auf alles vorbereitet sein!» erzählt Luca. Trotz perfekter Vorbereitung gab es harte Momente: Auf dem Weg zum Ice Lake mussten sie ihr Bike über festgefrorenen Schnee tragen, und die ersehnte Abfahrt entpuppte sich nach dem Tauwetter als tückischer Hike.
Und doch – genau diese Herausforderungen machen den Reiz aus: «Diese Stille auf dem verschneiten Pass habe ich in meinem ganzen Leben noch nie erlebt. Das war wirklich sehr faszinierend.»
Begegnungen, die prägen
Besonders tief eingebrannt hat sich Luca eine Begegnung in dem kleinen Bergdorf Ghyaru auf rund 3’700 Metern. Als er ins Dorf hineinrollte, kam ein kleiner Junge namens Gurkha auf ihn zugelaufen – neugierig, offen, ohne jede Zurückhaltung. Mit grossen Augen betrachtete er das Bike, griff nach Schalt-, Dropper- und Lockouthebeln und lachte bei jedem Summen, jedem Klacken, jeder Bewegung. Luca liess ihn gewähren, setzte ihn schliesslich auf das Bike – und in diesem Moment explodierte die Freude förmlich. Der Junge strahlte über das ganze Gesicht, wollte kaum mehr absteigen und vergass für einen Augenblick alles um sich herum. Diese Leichtigkeit, diese pure Begeisterung übertrug sich direkt auf Luca. Inmitten der Höhe, der Anstrengung und der Stille wurde ihm klar, wie wenig es braucht, um echte Freude zu empfinden – ein Moment, der ihm mehr gab als viele Gipfelmeter zuvor. Und am letzten Abend wartete noch eine Überraschung: der nepalesische Cross Country Meister erschien bei ihnen und erzählte, dass es für ihn eine Ehre sei, sie kennenzulernen – und putzte sogar alle Bikes blitzblank als Zeichen seiner Gastfreundschaft.

Natur als Energiequelle
Und genau darum geht es bei Abenteuern wie diesem: den Akku wieder aufladen, indem man sich der Natur ausliefert und zu sich selbst findet. Für Luca war es nicht nur das Fahren an sich, sondern das Erlebnis im Tal, umgeben von achttausender Gipfeln, das Energie schenkte: «In einem Tal zu fahren und links und rechts zwei Achttausender zu sehen war einzigartig.»
Inspiration mit Respekt
Der Annapurna Circuit ist kein Rennen. Er ist eine Expedition, die körperliche Vorbereitung, Respekt vor der Höhe und eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten verlangt. Mehr noch als ein Fahrrad fährt man gegen Wind, Wetter und Grenzen – und lernt dabei, wie reich das Leben sein kann jenseits der Komfortzone.
Fazit: Für alle, die auf dem Bike nicht nur Kilometer sammeln, sondern Geschichten erleben wollen, ist der Annapurna Circuit ein einmaliger Trip – ein Erlebnis, das inspiriert, fordert und die Perspektive verändert. Und für Luca steht fest: Eines Tages möchte er alle sieben Kontinente auf dem Bike erfahren und damit ein Lebensprojekt vollenden, das weit über sportliche Ambitionen hinausreicht.

